Lichtblick-School

Theatre of Real Life Vol.3

6-monatiges Seminar von Wolfgang Zurborn an der Lichtblick School
April - September 2012


Ernst Egener, Streetphotography

mit Arbeiten von:
Ernst Egener, Martin Gerner, Thomas Hillnhütter, Rainer Kuropka, Sabine Pichlau, Marlis Sauer, Marco Spinner, Astrid Steckel und Sonja Stoeten


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bei Blurb

Was ist der Antrieb für die Suche nach fotografischen Bildern?
Die Fotograf/Innen in diesem Katalog geben darauf ganz unterschiedliche Antworten. Für die einen ist ein klar definiertes Konzept die Grundlage ihrer Arbeit und die Bilder stellen die fotografische Umsetzung ihrer Ideen dar. Im Verhältnis von begrifflicher und bildhafter Wahrnehmung liegt der Schwerpunkt hierbei auf der Sprache. Sie bietet das Gerüst, in dem alle Bildfindungen eine logische Struktur bekommen. Den Gegenpol dazu bilden fotografische Annäherungen an unsere Umwelt, die in der Unmittelbarkeit des Wahrnehmungsprozesses beim Akt des Fotografierens die Chance sehen, innere Bilder mit der Aussenrealität in Deckung zu bringen. Diese Arbeitsweise setzt darauf, klare Begrifflichkeiten aufzulösen. Mit eigenwilligen Perspektiven, fragmentarischen Sichten, Abstraktionen und rätselhaften Schichtungen der Bildebenen entstehen visuelle Interpretationen unserer Umwelt, die sich vom reinen Abbild lösen.


Sabine Pichlau, Nachts konnte ich die Züge hören

Die Suche nach einer eigenen "Bild-Sprache" ist das Kernanliegen des Seminars "The Theatre of Real Life" von Wolfgang Zurborn an der Lichtblick School in Köln. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist es, ein präzises Verständnis für die eigene Motivation des Bildermachens zu entwickeln. Darauf aufbauend können die Entscheidungen für die inhaltlichen, ästhetischen und technischen Aspekte der Arbeit getroffen werden. Es gibt nicht die eine richtige oder falsche Sicht auf die Welt. Alle Ausdrucksformen der Fotografie von der Dokumentation über die Inszenierung und das Experiment bis hin zur Konzeptarbeit haben ihre Berechtigung. Ausschlaggebend für die Qualität einer künstlerischen Arbeit ist die Konsequenz in der Umsetzung einer persönlichen Haltung. Das dafür notwendige Selbstvertrauen zu schaffen, ist ein weiteres Ziel des Seminars.


Marco Spinner, Proof.

Der Entwicklungsprozess eines Projektes vom Fotografieren selbst über das Editieren und Sequenzieren bis hin zum Präsentieren in Form einer Ausstellung oder Publikation erfordert ein komplexes Zusammenspiel von intuitivem und konzeptionellem Handeln. Das Spannungsfeld zwischen Emotion und Rationalität drückt sich in den Arbeiten der Seminarteilnehmer/Innen in unterschiedlicher Form aus.

Mit rätselhaften und symbolgeladenen Bildern versetzt uns Marco Spinner in einen tagtraumähnlichen Zustand. Das intensive Empfinden von Situationen und Objekten ist für ihn ein Beleg für die eigene Existenz. Die abgebildeten Gegenstände wirken losgelöst von ihrer Funktion und gewinnen dabei eine starke sinnliche Präsenz.


Thomas Hillnhütter, Short Cuts

Der Dualismus von gelebter Wirklichkeit und dem Traum sorgt auch in den formal abstrahierten S/W-Fotografien von Thomas Hillnhütter für die besondere Spannung. Im Stil eines magischen Realismus schafft er eine surreal wirkende Welt ohne dabei wirkungsvolle Effekte zu verwenden. Die Reduktion auf radikale Ausschnitte aus dem urbanen Leben lassen dem Betrachter viel Raum für die eigene Phantasie.

Marlis Sauer lässt mit assoziativen Kombinationen von Farb- und S/W-Fotografien ein einfühlsames Portrait des Lebens im Luberon, einer Gebirgskette in Südfrankreich entstehen. Fragmentarische Sichten auf Architektur, Menschen, Objekte und Zeichen fügen sich wie in einem Puzzle zu einem hochkomplexen Bild jenseits jeglicher romantischen Verklärung.


Marlis Sauer, En Luberon

Die Fotografien von Rainer Kuropka konzentrieren die Wahrnehmung auf ganz konkrete Objekte, bei denen die Spuren der Vergänglichkeit sichtbar werden. Seine sehr sorgfältig ausgearbeiteten und detailgenauen analogen S/W-Prints erschöpfen sich nicht allein im Abbild des Gesehenen, sondern treffen genau den Grad an formaler Reduktion, der das Dokument zu einer subjektiven Interpretation von Welt werden lässt.


Rainer Kuropka, bemerkenswert

Die Bildsequenzen von Sabine Pichlau über die städtebaulichen Veränderungen auf dem Gelände des ehemaligen Derendorfer Güterbahnhof schwanken zwischen der konkreten Darstellung eines urbanen Raumes und seiner gleichzeitigen visuellen Dekonstruktion. Sie versteht die Fotografie als eine Schichtung von persönlichen Bildern der Erinnerung und einem analytischen Blick auf gesellschaftliche Prozesse.

Ernst Egener lässt in seinen Farbfotografien auch verschiedene Bildebenen aufeinander prallen. Bei ihm entsteht das komplexe Gefüge in den Einzelbilder selbst, die wie Collagen aus medialen und realen Räumen des Alltags wirken. Die Mythen der modernen Welt werden dabei ironisch gebrochen.


Astrid Steckel, Baustelle: Herz

Von dem Begriff "Herz" ausgehend entwickelt Astrid Steckel eine assoziative Bildkette mit unterschiedlichen Interpretationen dieses so hochgradig emotional besetzten Themas. Situative Portraits von Menschen in unterschiedlichen Beziehungen zueinander kombiniert sie mit symbolischen Darstellungen des Herzen.

In den Fotografien von Sonja Stoeten geht es nicht um ein sachlich
dokumentarisches Portrait, sie drückt in ihre Bilder eher ein Lebensgefühl
aus. Mit einem poetischen und sensiblen Blick fängt sie Momente ein, in
denen die Protagonisten ihren Platz im ihnen vertrauten Raum einnehmen und
dabei sehr nah bei sich selbst sind.


Sonja Stoeten, You Set The Scene

Die journalistischen Portraits von Martin Gerner entstehen dagegen aus einem tiefgehenden Interesse an dem gesellschaftlichen Leben in Afghanistan in einem latenten Kriegszustand. Die präzisen Einblicke in alltägliche Rituale bieten einen starken Gegenpart zu den üblichen oft klischeehaften Bildern, die uns in den Nachrichten geliefert werden.


Martin Gerner, Kriegs-Geschrei

Die Teilnehmer/Innen des Seminars "The Theatre of Real Life" stellen in Ihren fotografischen Projekten die Sehgewohnheiten der Betrachter auf die Probe. Die Bilder liefern nicht die Bestätigungen für das, was sie schon vorher wussten, sondern fordern einen fragenden Blick, der sich für die Bedeutungsebenen jenseits des Offensichtlichen interessiert.