Lichtblick-School

The Theatre of Real Life Vol. 11

6-monatiges Seminar von Wolfgang Zurborn an der Lichtblick School
April - September 2017


Cover des Katalogs zum Seminar The Theatre of Real Life vol. 11, Foto: Heike Frielingsdorf


mit Arbeiten von:
Heike Frielingsdorf • Thomas Gerats • Philip Purfürst
Andreas Kremer • Paul Christensen • Askan Schmeißer
Ursula Lübbe • Dina Koletzki de Salazas • Peter Büchele

Der Mensch und sein Lebensraum ist ein übergreifendes Thema, das alle in diesem Katalog präsentierten Arbeiten miteinander verbindet. Die Vorstellung der Welt beruht dabei aber immer auf sehr persönlichen Annäherungen und subjektiven Imaginationen des Realen und nicht auf der Festschreibung der fotografischen Abbildung als eindeutige Interpretation von Wirklichkeit.

Im Gegensatz zu einer theoretischen Beschäftigung erlaubt die Fotografie ein unbegriffliches und unmittelbares Erleben der sozialen Realität. Sie kann somit in komprimierter Form das Abenteuer des gesellschaftlichen Zusammenlebens in Bilder fassen. Wie in einem archäologischen Prozess können mit dem Medium der künstlerischen Fotografie Schichten der kollektiven Prägungen im sozialen Gefüge freigelegt werden, in all ihren unterschiedlichen Ausformungen, seien sie politischer, ökonomischer, religiöser oder kultureller Art.

Dieses ganze Spektrum inhaltlicher Kontexte haben die Teilnehmer/Innen des Seminars The Theatre of Real Life von Wolfgang Zurborn an der Lichtblick School mit sehr verschiedenen stilistischen Mitteln behandelt und sind dabei zu Bildlösungen gekommen, die eine Sicht auf den Menschen und seinen Lebensraum befreit von jeglicher ideologischer Vereinfachung möglich machen.


Heike Frielingsdorf, AusZeit

Die Menschen in den Bildern von Heike Frielingsdorf sind auf der Suche nach einer AusZeit, in der sie die alltägliche Routine hinter sich lassen können. Sie scheinen sich dabei aber in oft skurril wirkenden Kulissenwelten einer Freizeitkultur zu verirren. Mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe entwickelt die Fotografin einen Blick zwischen liebevoller Empathie für ihre Protagonist/Innen und bissiger Ironie in der Darstellung einer oft unpersönlich und steril wirkenden Umwelt. Dabei zielen die Bilder niemals auf eine platte Pointe, um sich über die Menschen lustig zu machen. Jenseits jeden Slapsticks entsteht ihr Humor auf viel subtilere Art und Weise durch das virtuose Zusammenspiel von verschiedenen Handlungsebenen in komplexen Bildkompositionen. Heike Frielingsdorf kreiert in ihren Fotografien Bühnen unserer zeitgenössischen Welt, in denen sie den Objekten und Menschen in ihrem Lebensumfeld Raum gibt, aus sich heraus Geschichten zu erzählen.


Thomas Gerats, Neoklassik in Schwarz-Weiss

Eine ganz andere Dramaturgie haben dagegen Thomas Gerats’ expressive Fotografien mit dem Titel Neoklassik in Schwarz-Weiss vom städtischen Leben in Japan. Hier ist die Distanz völlig aufgehoben und wir werden als Betrachter mitten ins Geschehen versetzt. Mit kippenden Perspektiven, irritierenden Ausschnitten und dramatischer Lichtwirkung erzeugen die Bilder in ihrer rhythmischen Montage eine Art Film Noir über das Chaos des urbanen Raums. Inspiriert von dem Großmeister der japanischen Fotografie Daido Moriyama taucht Thomas Gerats ein in eine ihm zuvor nicht bekannte Welt. Lustvoll gibt er die Kontrolle ab und lässt sich in seinem Bildzyklus ein auf den Verlust der Orientierung in einem Labyrinth von privaten und öffentlichen Räumen, wilden Tieren und menschlichen Körpern zwischen Grazie und Opulenz. Das konsequente Editieren der Fotografien schafft einen visuellen Sog, dem sich der Betrachter nicht entziehen kann.


Philip Purfürst, RealFake

Philip Purfürst hat mit seiner Serie RealFake eine ganz eigene Form der Street Photography entwickelt, um Momente des Alltagslebens einzufangen, die sich auf der Schnittstelle zwischen Realität und Fiktion bewegen. Das populärste englische Seebad Brighton bietet dafür das ideale Bühnenbild. Die Badewanne Londons, wie Brighton liebevoll ironisch genannt wird, ist ein quirliges Tummelbecken für Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaftsschichten. Mit dadaistischen Witz reagiert der Fotograf auf die Überfülle von Reizen und Attraktionen. Der eklektizistische Mix aus dem Flair eines traditionsreichen Badeortes und dem Trash von Jahrmarktsbuden ist in seinen vitalen und zugleich präzise analytischen Fotografien allgegenwärtig. In der Zusammenstellung der Aufnahmen wird dieser Aspekt vertieft, indem durch pointierte Dialoge der Bilder untereinander das Groteske der Szenerien nochmals hervorgehoben wird. Eine lineare Narration wird dabei aufgegeben, weil es nicht um eine journalistische Story geht, sondern vielmehr um die essentielle Frage, wie der Mensch im Massenspektakel unserer zeitgenössischen Spaßgesellschaft noch seine Individualität bewahren kann.


Andreas Kremer, Indivisual Ornament

Das Phänomen der Masse steht auch im Zentrum der extrem detailreichen Fotoarbeiten aus der Werkgruppe Individual Ornament von Andreas Kremer, mit denen er ungewöhnliche Übersichten auf Szenerien der Konsum- und Freizeitwelt schafft. Die Choreografie der Menschen im urbanen Raum und landschaftlichen Panorama lässt aber kein gleichmäßiges Ornament der Masse entstehen. Dem Fotografen ist nicht daran gelegen, in seinen Aufnahmen das Chaos des alltäglichen Lebens mit vereinfachenden Bildmustern zu bereinigen. Ganz im Gegenteil nutzt er die richtigen Momente, um komplexe Strukturen sichtbar zu machen, die es möglich machen, alle abgebildeten Personen als individuelle Wesen zu begreifen. Die besondere Qualität der Bilder besteht darin, dass sie - trotz eines sehr distanzierten Blicks auf eine „human landscape“ - eine vibrierende Dynamik ausstrahlen. Es ist zu spüren, dass jede Kreatur, jeder Gegenstand und jeder Ort von Bedeutung ist und in einem spannungsvollen Verhältnis zueinander steht.


Paul Christensen, Out of the Ordinary

In der Serie Out of the Ordinary von Paul Christensen sind dagegen keine Menschen zu sehen. Er erzählt Geschichten über seine Lebenswelt ausschließlich anhand von Gegenständen, die er beim Flanieren in seinem persönlichen Umfeld entdeckt. Mit einem minimalistisch fragmentarischen Blick befreit er seine Objets trouvés ihrer eigentlichen Funktionalität und verleiht ihnen damit ein ungewöhnliches Eigenleben. Wie absichtslose temporäre Installationen wirken die fragilen Konstruktionen mit Sitzbänken, Besen und Briefkästen, wobei sie eine poetische Kraft und einen subtilen Humor entwickeln. Gerade das Weglassen jeglicher erklärender Zusammenhänge stimuliert die Fantasie des Betrachters und sensibilisiert ihn für die Spuren des Menschen hinter der Oberfläche dieser Requisiten des Alltags. Letztlich verkörpern die Gegenstände in sehr puristischer Form Sehnsüchte und Ängste im Zusammenleben der Menschen.


Askan Schmeißer, Food & Farmers' Markets

Einen deutlich konkreteren Bezug zum Alltagsgeschehen in unseren Städten haben die Fotografien von Askan Schmeißer über Food & Farmers' Markets. Dieses Thema hat für den Fotografen eine ganz persönliche Bedeutung, da ihm diese Welt durch eine ehemalige Berufstätigkeit sehr vertraut geblieben ist. Aus dieser Nahsicht heraus hat er Dokumente geschaffen, die seiner Faszination für die Märkte als einem zentralen Ort der Begegnung im gesellschaftlichen Leben Ausdruck verleihen. Im Prozess der Arbeit an der Serie ist eine sachliche Annäherung immer mehr einer subjektiven Wahrnehmung gewichen. Mit stillllebenartigen Bildkompositionen kreiert er dabei pointierte Interpretationen der Inszenierungen von Gemüse, Früchten, Fisch und Fleisch auf den Marktständen. Eine weitere Ebene in der Bildgeschichte stellen die dort arbeitenden Menschen dar. Sie werden aber nicht im Stil klassischer Berufsportraits vorgestellt. Vielmehr sind sie vollkommen eingebunden in ihre Arbeit und einem oft archaisch wirkenden Umgang mit den angebotenen Fleischwaren und Naturprodukten.


Ursula Lübbe, Bankgeschichten

Momente der Ruhe und Entspannung hält Ursula Lübbe dagegen in ihrer Serie Bankgeschichten fest. Sie porträtiert Menschen, die in Fußgängerzonen und in Parkanlagen Sitzbänke nutzen, um sich für eine Weile herauszunehmen aus dem geschäftigen Treiben des Alltags. Mit der seriellen Stringenz einer durchgängig frontalen Perspektive ermöglicht sie eine vergleichende Studie des urbanen Mobiliars in all ihren funktionalen und ästhetischen Ausprägungen. Darüber hinaus werden die Bänke im öffentlichen Raum aber auch zu Orten der Privatheit. Der einfühlsame Blick der Fotografin sensibilisiert den Blick des Betrachters für die Situationen, in denen sich die Menschen auf der Schnittstelle zwischen Innen- und Außenleben befinden. Den straighten Porträts aus heimischen Gefilden stellt Ursula Lübbe szenische Bilder aus vietnamesischen Städten gegenüber, in denen Parkbänke auch eine zentrale Rolle spielen. Dabei nutzt sie diese alltäglichen Objekte, um an ihrem anderen Gebrauch kulturelle Unterschiede lesbar zu machen.


Dina Koletzki de Salazar, Wunderbar - wirklich

Dina Koletzki de Salazar löst in ihrer assoziativen Bildgeschichte Wunderbar - wirklich den konkreten Kontext zum Realraum völlig auf. Die Wahrnehmung von Wirklichkeit empfindet die Fotografin nicht als einen festen stabilen Zustand, sondern als die glückliche Vereinigung von inneren Bildern und äußerer Realität in oft zufälligen Momenten. Sie hinterfragt unsere gewohnten Sichtweisen und schafft dabei eine natürliche Einbettung des Wunderbaren in den Alltag.
Der Traum und das reale Leben stellen keine gegensätzlichen Pole mehr dar. Auf magische Art und Weise wandeln die Menschen in ihren Bildern als schemenhafte Figuren, Flaneure, Mönche und Nymphen in einer Fantasiewelt zwischen Spiritualität, Fiktion und Wirklichkeit. Das Vertrauen auf das Zusammenspiel der Bilder macht es möglich, den Betrachter mit auf die Reise zu nehmen, obwohl keine begriffliche Logik vereinfachende Erklärungsmuster liefert. Gerade in der irritierenden Montage von Natur- und Kulturräumen in der Bildfolge steckt die poetische Wirkung der Fotografien, weil sie die Imagination von Welt stimuliert.


Peter Büchele, Breath Amsterdam

Für Peter Büchele ist es im Gegensatz dazu ein ganz konkreter Ort, der ihm als Inspiration für seine Arbeit dient. Breath Amsterdam stellt eine Art visuelles Tagebuch seiner regelmäßigen Besuche dieser Stadt dar. Das liberale Lebensgefühl dort bietet für ihn einen Freiraum, auf die Suche nach sich selbst zu gehen. Hier muss er sich nicht rechtfertigen dafür, jenseits aller rationalen Spielregeln seiner subjektiven Sicht auf die Welt zu folgen. Somit würde es für ihn auch keinen Sinn machen, einen akribischen Reisebericht oder eine sachliche Dokumentation zu erstellen. Vielmehr lässt er sich fallen in die vielfältigen Sinneseindrücke, die ihm die Streifzüge in die Stadt bei Tag und Nacht bieten. Er folgt dabei seinem Instinkt, welche Szenerien und Momente, Objekte und Räume seinen Empfindungen im Dialog mit dem Ort Ausdruck verleihen können. Mit oft dramatischer Lichtwirkung eingefangen nutzt Peter Büchele alle Elemente des Urbanen im Sinne eines Theaters des realen Lebens, um daraus, stringent sequenziert, sein ganz persönliches Stück Lebenswirklichkeit erfahrbar zu machen.